Standen im Zentrum der Kritik: Der ehemalige Vizepräsident für Leistungssport Andreas Mühlbauer-Füll (links) und der DGS-Präsident Winfried Wiencek

Meuterei im Ruhrpott

Leseprobe

Ein Warnschuss kurz vor den Deaflympics? Ein Machtkampf der Generationen? Oder gar ein Putschversuch? Warum ein halbes Dutzend Spitzenfunktionäre aus dem Deutschen Gehörlosen-Sportverband zurücktritt – und was das über den deutschen Gehörlosensport aussagt
Von Thomas Mitterhuber

„Ich fühle mich verraten, wie das Opfer einer Intrige“, sagt Andreas Mühlbauer-Füll. Er sitzt in einem Münchner Café. Trotz dieses Satzes wirkt er sehr gefasst, mit sich im Reinen. Höfliches Lächeln, jungenhaftes Gesicht – man kann sich gar nicht vorstellen, dass er im Zentrum der jüngsten Krise im deutschen Gehörlosensport stand.

„Natürlich habe ich Fehler gemacht“, sagt der 37-Jährige. „Aber für mich stand immer der Gehörlosensport im Vordergrund. Ich investierte jede Woche rund 20 Stunden in dieses Amt und übernahm viel Arbeit, die ich als Ehrenamtlicher nicht hätte tun müssen.“ Die vielen Vorwürfe gegen ihn empfindet er daher als Schlag ins Gesicht, als Undankbarkeit.

Wie aus dem Nichts startete der Münchner seine Karriere im Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGS). Im November 2013, kurz nach dem Tode von Präsident Karl-Werner Broska, stand der DGS zerrüttet da. Damals erklärten vier Präsidiumsmitglieder ihre Rücktritte, die frei gewordenen Posten ließen sich nur teilweise und mit großer Mühe nachbesetzen. Mühlbauer-Füll erklärte sich bereit, das Amt des Vizepräsidenten für Leistungssport zu übernehmen. Bis er im April zurücktrat. Beziehungsweise hinausgedrängt wurde.

Drei Monate vor den Deaflympics im türkischen Samsun befindet sich der DGS in einer schweren Krise. Die Leistungssportkoordinatorin? Gekündigt. Der Vorstand? Besteht nur noch aus dem Präsidenten. Der sechsköpfige Spitzensportausschuss (SSA)? Bis auf einen Mann komplett weg. Die Gehörlosengemeinschaft schüttelte ungläubig den Kopf, nachdem ein halbes Dutzend Spitzenfunktionäre zunächst in einem Schreiben an den DGS-Präsidenten Winfried Wiencek und kurz daraufhin öffentlich auf Facebook ihre Rücktritte bekanntgaben.

Bei diesen handelt es sich um die beiden Präsidiumsmitglieder Petra Brandt und Günter Freßmann, Generalsekretärin Diana Aleksic sowie drei Mitglieder des Spitzensportausschusses (Norbert Hensen, Steffen Rosewig und Petra Klein). Sie traten offiziell wegen unüberbrückbarer Differenzen mit dem verbliebenen Präsidium zurück.

Rebellen, Erdbeben, Karnevalsverein – mit diesen und anderen Worten wurden die Rücktritte scharf kommentiert. Und manch einer sorgte sich um die Athleten, die im Juli zu den Deaflympics fahren sollen: „Das haben die Sportler nicht verdient.“ Was die breite Öffentlichkeit nicht weiß: Im DGS brodelt es schon seit Monaten, zwischen Präsidiumsmitgliedern herrschten unlösbare Spannungen.

Die Chronologie der Ereignisse
Eine E-Mail am 24. Februar bringt den Stein schließlich ins Rollen: Vier Fachwarte (Johannes Bildhauer, Marc Brücher, Steffen Rosewig und Norbert Hensen) zeigen sich besorgt um den Verbleib der Leistungssportkoordinatorin Susanne Wiedemann. Schon beim Verbandstag 2016 in Leipzig war deutlich geworden, dass es Probleme zwischen Wiedemann und ihrem direkten Vorgesetzten Mühlbauer-Füll gegeben hatte. Der Vizepräsident selbst berichtet von einer zerrütteten Vertrauensbasis, von einer schwierigen Zusammenarbeit, die geprägt von Missverständnissen war. Er hat das Gefühl, sie erlaube sich mehr als ihr zustehe. Ihre Mails findet er sprachlich kompliziert. Handelte es sich um ein Kommunikationsproblem zwischen einem Gehörlosen und einer Hörenden?

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